Epistemologie für Fußgänger

Der erste Schluck aus dem Becher der Natur führt zum Atheismus, aber auf dem Grund wartet Gott. [Werner Heisenberg]

Zu denken, dass die Dinge so sind, wie ich sie wahrnehme, bezeichnete Paul Tholey als naiven Realismus.

Zu glauben, dass es eine allgemeingültige Wahrheit gibt, bezeichnete Ernst von Glasersfeld als die Wurzel allen Übels.

Warum wollen uns diese Wissenschaftler eigentlich das madig machen, was wir als gemeinsam geteilte Realität bezeichnen? Es würde doch keiner bestreiten dass der Tisch an dem ich dass hier gerade schreibe, für alle derselbe sein muss.

Es kann “kein System von Aussagen in sich selbst in dem Sinne geschlossen sein, dass es seine eigenen Axiome erklärt und sich nicht selbst widerspricht”. [Gödels Unvollständigkeitssatz]

Einleitung

Gunther Schmidt erzählte auf einem seiner Seminare von einer Begebenheit mit Heinz von Foerster. Letzterer hielt wohl einen Vortrag. Während einer Pause ging Schmidt zu ihm und fragte nach einer bestimmten Information aus dem Vortrag. Er hätte diese wohl nicht richtig mitbekommen oder gehört und wollte den Zusammenhang von, ’von Foerster’ noch einmal erklärt haben. ‚Von Foerster’ antwortete jedoch damit, dass er nicht wisse, was er da gesagt hätte. Gunther Schmidt empfand dies als nicht möglich und hatte den Verdacht veralbert zu werden. Jedoch auch nach mehrmaligem Fragen, was genau denn ’von Foerster’ da an dieser bestimmten Stelle gesagt hätte, bekam er immer wieder die Antwort, dass jener es nicht wisse. Die Situation wurde aber dennoch von ’von Foerster’ aufgelöst. “Du kannst mich gerne danach fragen, was ich sagen wollte! Aber wenn du wissen möchtest, was ich gesagt habe, dann muss du die Zuhörer fragen.”

 

Epistemologie, die Wissenschaft davon was wir wissen können, ist im Grunde genommen die fundamentalste aller Wissenschaften. Alle anderen Disziplinen leiten sich mehr oder weniger aus einer Beobachtung der Natur ab, um danach interpretiert und bewertet zu werden. Und da eine Kette grundsätzlich am schwächsten Glied reißt, oder moderner ausgedrückt in der Computersprache: Der langsamste Teil in der Informationsübertragung bestimmte die Gesamtgeschwindigkeit, ist es schon verwunderlich, dass der Epistemologie ganz allgemein nicht ein wesentlich größerer Stellenwert zugeschrieben wird. Ich befürchte dass allein dieses Wort schon den Wenigsten in der Bevölkerung bekannt ist.

Grundsätzlich hängt alles davon ab, inwiefern wir uns einen “objektiven” Eindruck von der sogenannten Wirklichkeit verschaffen können. Und tatsächlich ist dies eines der, wenn nicht das große Thema der Philosophie, welche es leider nach Stephen Hawking nicht mehr gibt. Umso erstaunlicher ist es, dass man zurzeit jede Menge ausgedienter Quantenphysiker findet, die sich als „Rentner“ der Philosophie zuwenden, und auch noch esoterische Theoriegebäude produzieren (Fred Alan Wolf, Amit Goswami).

Wahnehmung – Realität

Bin ich mir nicht im Klaren darüber, welcher Zusammenhang zwischen meinen „Wahrnehmungen“ und der sogenannten Realität existiert, macht es ein Interpretieren, in der Wissenschaft nennt man das wohl eher Induktion und Deduktion, sehr schwer. Dennoch wird die technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte meist als Beleg für unsere Fähigkeit, die Realität als solche auch wahrnehmen zu können, betrachtet. Die Philosophen schienen häufig eine andere Position zu vertreten. Angefangen von Platon und dessen Höhlengleichnis, bis zu Immanuel Kant. Bei Stephen Hawkings Aussage, es gäbe keine wirklichen Philosophen mehr, zeigt sich dieses Problem in besonderer Weise. Denn wenn ich Menschen wie ‘von Foerster’, ‘von Glasersfeld’, Bateson, Wilber, u.v.a. einfach nicht wahrnehme, oder die modernen Quantenphysiker wie Heisenberg, Pauli, usw. nicht auch als Philosophen begreife, ja dann hat Hawking sicherlich mehr als Recht.

Steigen wir in dieses interessante Thema doch einmal aus einer Alltagslogik, anstatt von der wissenschaftlichen Seite ein. Was wissen wir über unsere “Pforten der Wahrnehmung“? [2] Diese Pforten sind unsere fünf Sinne, und man verzeihe mir, dass ich nicht bestimmte übernatürliche Formen der “Wahrnehmung” miteinbeziehe.

Sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Das weiß doch jedes Kindergartenkind, oder?

Sehen

Was passiert z.B. beim Sehen? Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass grundsätzlich im Licht selber alle Farben schon vorhanden sind. Farben entsprechen den verschiedenen Wellenlängen des Lichts. Das meiste Licht kommt von der Sonne. Dieses Sonnenlicht “beschießt” einen Gegenstand in meiner Nähe. Da dieser Gegenstand unterschiedliche Oberflächenstrukturen aufweist, werden jene nur bestimmte Wellenlängen dieses Lichts reflektieren. Wir empfinden einen braunen Tisch als braun, weil dieser durch seine Oberflächenstruktur (Farbe) bestimmte Wellenlängen des Lichts “schluckt”, absorbiert, und diejenigen, welche nicht absorbiert werden, reflektiert. Der reflektierte Teil des Lichts trifft auf meine Netzhaut. Unsere Netzhaut verfügt über unterschiedliche Rezeptoren, welche jeweils für die verschiedenen Wellenlängen (Farben) empfindlich sind. Diese Rezeptoren wandeln das, mit dem sie da konfrontiert sind, in Elektrizität um. Tatsächlich ist dies mittlerweile ein recht gut belegter quantenphysikalischer Vorgang, was aber für unsere Überlegungen fast keine Rolle spielt.

Die visuelle Schnittstelle unserer Wahrnehmung ist die Netzhaut. Im Grunde genommen kennen wir damit die eine Seite, Licht mit dem Spektrum an Wellenlängen und die andere Seite, Elektrizität. Unsere Hirnforscher können in bildgebenden Verfahren auch recht gut darstellen, was im weiteren Verarbeitungsverlauf im Gehirn mit diesen elektrischen Signalen passiert. Diese durchlaufen sehr unterschiedliche Bereiche in unserem Gehirn, in denen sie jeweils verändert werden, bis sie in den sogenannten höheren Hirnzentren, wie z.B. dem visuellen Cortex ankommen. An diesem Punkt hat dieser Prozess im Gehirn einen Stand erreicht, an dem das “Bild” so langsam als bewusst wahrgenommen (bewertet) wird. Aber es soll ja gar nicht so sehr wissenschaftlich werden, vor allem da mir persönlich dafür die Kompetenz fehlt.

Vergleich

Wie können wir eigentlich herausbekommen, inwiefern es eine Ähnlichkeit zwischen dem gibt, was da auf der einen Seite unseres Auges passiert (Licht, da Draußen sozusagen) und dem was sich auf der anderen Seite abspielt (Elektrizität, Innen), geschweige denn was uns nach zig mentalen Verarbeitungsprozessen letztendlich davon bewusst wird?

Bitte an dieser Stelle eine Denkpause. Nein wirklich, also so wirklich wirklich! Die Frage stelle ich Ihnen, geneigter Leser!

Wie könnte so ein Experiment aufgebaut sein, dass dafür geeignet erscheint, diesen Zusammenhang zu klären?

Also, ich weiß es nicht. Ich bin ja auch kein Wissenschaftler.

Ich befürchte sogar, dass das überhaupt nicht möglich ist. Müsste ich doch eine Wahrnehmung außerhalb meiner Selbst, also sozusagen ohne meine eigenen „Augen“, mit einer Wahrnehmung durch meine eigenen Augen vergleichen, oder?

Nun ich könnte mich natürlich mit jemanden austauschen, der auch gerade denselben Tisch beobachtet wie ich. Wir könnten Gemeinsamkeiten und Unterschiede unserer Wahrnehmungen vergleichen, oder zumindest diskutieren. Mindestens zwei Probleme ergeben sich dabei:

  1. Wir könnten beide unter denselben Wahrnehmungsfehlern leiden und kämen dann möglicherweise beide zu einer Einigkeit, jedoch aufgrund derselben Fehleinschätzung.
  2. Um uns über diesen Tisch austauschen zu können, bedienen wir uns zwangsläufig wieder unserer Wahrnehmungen. Ich gab Ihnen bisher ja nur das Beispiel des Sehens. Dasselbe gilt grundsätzlich für unsere anderen vier Sinne. Also der Austausch, der gewöhnlicher Weise über unsere Kommunikation stattfindet, unterliegt ja selber diesem Vergleichsproblem.

So, dat hamse nun davon!!

Kleinster gemeinsamer Nenner

Meines Erachtens sind wir jetzt schon an dem Punkt, einen kleinsten gemeinsamen Nenner darüber zu formulieren, was Realität ist:

eine individuell, bzw. innerlich empfundene Gewissheit über eine vermeintliche Realität, da diese mir durch einen anderen außerhalb von mir kommunikativ bestätigt wurde.

Also einfacher: Was Realität ist, ist eine demokratische, soziale Übereinkunft.

Realität ist also ein soziales und kein materialistisches Phänomen – zumindest im Rahmen einer möglichen Überprüfbarkeit.

Damit könnten wir mit diesem Thema eigentlich auch fertig sein. Aber das würde mir jetzt keinen Spaß machen.

Wir fragen uns an dieser Stelle zwangsläufig, wie wir denn so großartige, vor allem auch technische Fortschritte machen konnten, wenn es da nicht eine gewissen Übereinstimmung zwischen den beiden Seiten dieses „Spiegels[3]“, frei nach Konrad Lorenz, geben könnte. Nun, an diesem Punkt können wir weiterhin nicht bestimmen, ob unsere Wahrnehmung von uns erschaffen ist, oder ob Wahrnehmung tatsächlich so etwas ist, vergleichbar einer Videokamera, welche etwas aufzeichnet, was ich mir anschauen kann.

Wir können lediglich nicht beurteilen, welches von beiden richtig oder richtiger ist.

Das was wir aber für unseren Alltag, und vor allem für unser Überleben in selbiger feststellen können, ist eher ein pragmatisches herantasten. Zum einen Leben wir ja, also wir sind ganz offensichtlich jetzt gerade nicht tot. Also sind wir in gewisser Weise schon erfolgreich gewesen, und dies aufgrund unserer Wahrnehmung, bzw. der Interpretation derselben. Wenn ich immer wieder gegen eine Wand laufe, heißt dies mindestens dass da etwas ist, was mich aufhält, unabhängig davon, ob die Wand tatsächlich so ist, wie ich sie wahrnehme.

Der blinde Wanderer

Ernst von Glasersfeld beschenkt uns mit einer schönen Metapher: Er vergleicht die Funktionsweise unserer Wahrnehmung, mit den Erfahrungen eines blinden Wanderers, der durch einen Wald geht. Wenn dieser oft genug den Wald durchquert, wird er sich das Äquivalent eines Bildes von diesem Wald entwickeln. Durch die Erfahrungen, die er durch das immer erneute Durchqueren des Waldes macht; also an einem Baum anstoßen, diesen umrunden, am nächsten Hindernis scheitern, und wieder die Richtung wechseln usf., erschafft er sich eine Art von mentaler Übersichtskarte des Waldes und er wird diese Karte bei jedem erneuten Durchqueren verfeinern und vielleicht irgendwann durch den Wald gehen können, ohne irgendwo anzustoßen. Mit der Einschränkung: Da der Wald sich ständig verändert, neue Bäume wachsen nach, Menschen verändern diesen Wald, wird der blinde Wanderer seine Landkarte ständig modifizieren müssen.

Nächster gemeinsame Nenner

Damit haben wir einen nächsten, möglichen gemeinsamen Nenner für das, was wir Wirklichkeit nennen. Können wir schon nicht davon ausgehen, dass die Wirklichkeit so sein muss, wie wir sie wahrnehmen, können wir zumindest postulieren, dass wir mentale Landkarten von dieser Wirklichkeit besitzen, die ganz offensichtlich nicht so sehr falsch sein können. Und wir können über diese Landkarten kommunizieren, wenn wir berücksichtigen, dass diese Kommunikationen ebenso auf unserer individuellen Landkarte stattfinden.

Der Begriff der Landkarte passt in vielerlei Beziehung recht gut. Niemand würde doch eine Landkarte mit der Realität verwechseln. Niemand wird doch wirklich die Speisekarte essen, anstatt der Mahlzeit (Richard Bandler). Eine Landkarte hat auch gar nicht den Anspruch die Realität abzubilden, denn dann wäre eine Landkarte ja genau so groß, wie das Gebiet das sie beschreibt. Die Landkarte sollte pragmatisch Funktionsbereichebereiche darstellen, die ich im Sinne meiner Ziele benötige. Aber wir kommen noch dazu.

Also an diesem Punkt kann ich getrost feststellen, dass ich halbwegs weiß, was ich ausdrücken wollte, aber kann selbstverständlich nicht beurteilen, was ich ausgedrückt habe. Letzteres wird über Ihre persönliche Landkarte bestimmt, werter Leser.

Aber wir sind noch nicht am Ende, dass sage ich Ihnen!

Spiegel?

Also schauen wir doch mal, was wir vom Innen, also hinter dem Spiegel zu wissen glauben. Vorher müssen wir noch einmal über den von mir benutzten Begriff des Spiegels sprechen. Denn diese Metapher passt nach den bisherigen Ausführungen nicht mehr. Vielleicht passt in unserem Falle mehr das Bild einer Membran. Diese Membran scheint dann nicht wirklich durchlässig zu sein. Vielmehr kann sie von außen unterschiedlich eingedrückt werden. So wie beim Schall, der Schwingungen in der Luft erzeugt. Und aus den von außen angeregten Bewegungen baut sich unser Gehirn seine Landkarte von draus vom Walde auf.

Und? Passt das für sie? Fällt ihnen vielleicht eine passendere Metapher ein? Und dass Wort passend passt selber auch ganz gut, nicht wahr. Die Konstruktivisten sprechen hierbei gerne von der sogenannten Viabilität. Inwiefern unsere innere Landkarte der Welt, mit der Welt selber übereinstimmt ist keine Angelegenheit von Gleichheit (Isomorphie), sondern eher von einem pragmatischen Passen, ein Funktionieren (Viabilität). Und ob etwas passt oder funktioniert ist abhängig von Zielen und Intentionen, die wir haben. Wie sagt der Phänomenologe? Bewusstsein ist immer intentional.[4]

Schön, oder?

Was sagen uns denn die Gehirnforscher über den Bereich innerhalb unserer Membran? Ich sagte ja bereits, dass ich kein Wissenschaftler bin, also müssen wir es so machen, dass auch ich es verstehe.

Hebbsches Gesetz

Nehmen wir mal das sogenannte Hebbsche Gesetz: Cells that fire together, wire together. „Zellen, die miteinander feuern, vernetzen sich, und vernetzte Zellen feuern wieder miteinander“[5].

Manfred Spitzer hat ein schönes Bild dafür. Stellen sie sich einen Weihnachtsmarkt vor. Sie schauen von oben drauf (Vogelperspektive). Sie sehen das Areal zwischen den Toiletten und den verschiedenen Marktbuden. Die Menschen, die zur Toilette gehen hinterlassen eine Spur im Schnee. Die Spuren werden vom leisen rieselnden Schnee wieder geglättet. Dort wo die Menschen immer wieder lang laufen, bleiben die Spuren länger erhalten. Die Wege, welche nur selten benutzt werden, verschwinden wieder.

So soll es auch mit den kleinen grauen Zellen sein. In einer solchen Betrachtungsweise findet man auch eine gute Begründung für das, was man landläufig positives Denken nennt. Werde ich oft die Bereiche meines Gehirns aktivieren, welche für positive Erinnerungen und Erfahrungen stehen, trainiere ich diese damit und ebne den Weg dafür, dass jene bevorzugt aktiv sind/bleiben.

Wahrnehmung = Gewohnheit

Für unseren Spaziergang durch die Epistemologie bedeutet dies, dass ich dazu neige das wahrzunehmen, von dem ich erwarte es wahrzunehmen. Jeder von uns hat vielleicht schon mal in einem fremden Menschen ein bekanntes Gesicht zu erkennen geglaubt. Oder mein Autoschlüssel, den ich nach stundenlangem Suchen an einem Platz finde, von dem ich mir sicher bin, dass ich dort schon mehrmals gesucht hatte. Ich hatte eben trotz meiner Suche nicht erwartet, dass der Schlüssel dort liegen könnte. Die Hypnotiseure nennen dies eine negative Halluzination.

Vorstellung

Über die modernen bildgebenden Verfahren gelangen unsere Naturwissenschaftler zu interessanten Erkenntnissen. So wurde z.B. festgestellt, dass wenn wir uns in einer bestimmten Situation befinden, in unserem Gehirn dieselben Kombinationen verschiedener Gehirnbereiche aktiv sind/werden, als wenn wir uns diese Situation “nur” vorstellen, also imaginieren. Wenn wir uns an ein Bild erinnern, feuern dieselben Zellen, die auch aktiv sind wenn wir diese Bild tatsächlich sehen. Ist das nicht schön? Mir drängt sich dann sofort die Frage auf, wie wir, also unser Gehirn, dann noch entscheiden können, ob wir gerade erinnern oder sozusagen live dabei sind?

Nach all den Ausführungen bisher, ist dies bis zu einem gewissen Grade tatsächlich völlig egal. Solange wir überleben und halbwegs unsere Ziele erreichen, scheint unsere innere Landkarte zumindest funktional recht passend zu sein.

Spiegelneurone

Schauen wir kurz zur Spiegelneuronen-Forschung. Das sollen bestimmte Zellen in unserem Hirn sein, welche aktiv werden, wenn unser Gegenüber etwas tut. Und zwar scheinen dieselben Zellen bei uns selber aktiv zu werden, welche beim anderen gerade dessen Tun steuern. Kompliziert ausgedrückt? Ja das passiert mir ab und an.

Haben sie sich schon mal mit einem Menschen unterhalten, dessen Lippen sich ganz leicht, aber fast synchron zu den ihren Bewegen, während sie gerade sprechen. Wenn ein Affe eine Banane isst (Cool von mir, gerade jetzt einen Affenvergleich zu machen, oder?) und ein anderer Affe beobachtet ihn dabei, werden bei dem Beobachter ähnliche Hirnbereiche aktiv, wie diejenigen, welcher der essende Affe benötigt um den Akt des Bananenessens auszuführen. Vielleicht erklären wir uns zumindest anteilig darüber das, was wir Intuition nennen. Oder Menschen, die sich scheinbar leichter als Andere in Andere hinein versetzen können. Für mich bedeutet dies vor allen ein Erklärungsansatz für das, was wir Beziehung nennen. Denn wenn wir letztendlich nicht in der Lage sind, die Wirklichkeit an sich wahrzunehmen, sondern nur die Landkarte unserer Welt wahrnehmen, fragte ich mich immer schon, wie man Beziehungen erklären will. Die Konstruktivisten haben eine meines Erachtens sehr romantische Metapher für dieses Phänomen: sie nennen es strukturelle Koppelung. Es scheint dabei um eine Form von Gestaltwahrnehmung, Wahrnehmung von Strukturen, anstatt von Informationen oder Inhalten zu gehen. Sehr schön. Eben ein Abdruck/Eindruck in der Membran.

Fast geschafft?

Und obwohl ich jetzt gerade das Bedürfnis empfinde, so langsam zum Ende zu kommen, darf ich definitiv nicht die Primingforschung verschweigen. Die passt und gehört hier noch hin, bevor ich meinen humorigen und mit hochgestochenen Zitaten gespickten Abschluss formuliere.

Ich versuche es mal sinngemäß wiederzugeben. Ein so, oder so ähnlich durchgeführtes Experiment:

ca. 100 Studenten erhalten eine Vorlesung zum Thema Spitzenleistung im Sport. Danach ist Pause und ein Großteil geht in die Mensa, billig essen. Am nächsten Tag erhalten dieselben Studenten eine Vorlesung zum Thema Schwierigkeiten, Krankheiten und Belastungen im Alter. Danach gehen viele schon wieder billig essen.

Anschließend haben die Forscher die Zeit gemessen, die die Studenten nach den Vorlesungen bis zur Mensa gebraucht haben. Nach der Vorlesung über Spitzenleistungen waren die Studenten statistisch gesehen deutlich schneller in der Mensa, als nach der Vorlesung über die Altersgebrechen. Signifikant schneller, nennen das die Wissenschaftler.

Diese ganze Sache, die hier Priming genannt wird, passt, wie ich finde, auch sehr gut zu den Ausführungen über das Hebbsche Gesetz.

Abschluss?

So, was machen wir jetzt mit dem ganzen? Also ich weiß, was ich damit mache. Was machen sie damit?

In einem Interview mit Heinz von Foerster wurden viele Aspekte des hier beschrieben in Kurzform besprochen. Der Reporter fragte ‚von Foerster‘ am Ende (sinngemäß):

„Aber wenn wir dann die sogenannte Wirklichkeit gar nicht wahrnehmen können, und es so etwas wie Wahrheit gar nicht geben kann, dann ist ja nichts mehr fest, dann ist da ja vielleicht gar nichts, an dem wir uns noch festhalten können. Das ist doch schrecklich“.

Guter Einwand dachte ich als ich dies hörte. Von Förster antwortete:

„Ja, genau, ist das nicht schön?“

Die sogenannte Wirklichkeit in Frage zu stellen ist nicht mal ein moderner Gedanke. Wir kennen schon von Buddha, das wir in einer Welt der Illusionen leben. Auf dem Weg zur Erleuchtung müssen wir uns aus dem Samara befreien. Ein Weg dazu ist, unsere Begierden (Ziele, Intentionen, Leidenschaften) aufgeben. Die Zen-Buddhisten meditieren über Widersprüche und Paradoxien, von denen wir ständig umgeben sind, ohne uns darüber Gedanken zu machen.

So sind wir gleichzeitig integrierter Teil dieser Welt, dieses Planeten und unserer sozialen Gemeinschaft, und auch getrennt davon (Membran). Wir müssen Ziele, kurz- und langfristig haben, um einen Sinn im Leben zu empfinden, und wir müssen diese Ziele aufgeben um frei und offen zu sein. Wir sind zur Freiheit verdammt[6]. Sokrates brachte uns bei, dass wir lediglich wissen können, dass wir nichts wissen. Wir sind Individuen, die aufgrund der Membran nicht aus sich heraus können, jedoch heißt dies auch, dass die ganze Welt in uns ist (Landkarte). Die Mystiker sagen, wir seien Gott. Das bekommt plötzlich für mich Sinn.

Wir tauschen keine Informationen untereinander aus. Wir tanzen in Wirklichkeit miteinander. Ich sage meiner Tanzpartnerin nicht, wann sie welchen Fuß wohin bewegen soll. Wir gleichen uns an, wir koppeln uns strukturell.

Was von beiden gefällt Ihnen besser?

Der Wahrheitsbegriff wird in einer solchen Denkweise deutlich relativiert. Wahrheit gibt es nicht, und kann es nicht geben. Und das ist gut so. Denn wenn ich von einer allgemeingültigen Wahrheit ausgehe, muss diese für alle gelten und diese anderen müssen sich gefälligst auch daran halten. Tun sie es nicht sind sie, was?

  • Sind sie dann böse?
  • Sind sie krank?
  • Glauben sie dann nicht an Gott?
  • Sind sie verbohrt, oder einfach nur Rücksichtslos?

Der Glaube an eine allgemeingültige Wahrheit, ist eine Forderung nach absolutem Gehorsam[7]. Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, bestätigt Heinz von Förster.

Ach, kommen sie schon, das letzte Zitat musste ich einfach bringen.

Varela und Maturana[8], zwei Biologen, hatten erst einmal das Bedürfnis zu meditieren, nachdem sie merkten, dass nichts in der Biologie darauf hindeutet, wir könnten die Welt da draußen tatsächlich so wahrnehmen, wie sie ist. Und Neo erwachte aus der Matrix, nur um sich in einer anderen Matrix wiederzufinden. Witzig, oder?

Gegenargumente?

Die Argumente gegen solche Denkweisen sind ganz gut im Wikipedia Eintrag über den Radikalen Konstruktivismus zusammengefasst: “Die Begründung für den radikalen Konstruktivismus basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, die nach seiner eigenen Definition keine Gültigkeit haben können, denn ein nicht vorhandener Zugang zur Wirklichkeit, wie ihn der radikale Konstruktivismus postuliert, kann als Teil der Wirklichkeit nicht erkannt werden. Somit hat der Radikale Konstruktivismus ein „Selbstanwendungsproblem“”.[9]

Die Vertreter des radikalen konstruktivistisch behaupten jedoch gar nicht, dass sie der Wahrheit näher wären. Die Frage ist, ob dieses Modell für bestimmte Fragestellungen des Lebens und Überlebens (besser) passt. Und so etwas ist noch nie von einer Theorie bewiesen worden, sondern nur von Menschen behauptet. Wissenschaft kann nichts beweisen; sie kann lediglich falsifizieren![10]

Es ist halt nur so schwer den Glauben an Wahrheit und Wirklichkeit aufzugeben, weil uns dafür ein Ego im Weg steht. Wir wollen doch nun mal wirklich jemand sein.

Aber verlieren sie auch nicht die Vorteile aus dem Auge. Wollte ich sagen, dass alle ihre Probleme von ihnen selber gemacht sind, hörte sich das ziemlich gemein an. Aber im Grunde genommen können sie ihre Probleme nicht über das Verändern der Welt lösen. Sie können aber Einfluss auf ihre eigene Landkarte nehmen. Das gleicht nicht einem Erschaffen von Illusionen, denn Ihre Landkarte bestimmt, wie sie auf ihre Umwelt reagieren, und ihr Reagieren hat wiederum Einfluss auf ihre Umwelt, sogar in der wirklich, wirklichen Wirklichkeit. Sie verändern die Welt, indem dem sie sich selbst verändern? Vielleicht ist es dass, was ‘von Foerster’ so schön an diesem Gedanken fand.

Und wo keine Worte ausreichen, da wäre jedes Wort zu viel. Also das Wittgenstein Zitat habe ich ausschließlich wegen meines Egos hierein geschrieben.

[1] Der Titel dieses Artikels bezieht sich auf einen Buchtitel von Harald Lesch –Kosmologie für Fußgänger-. Im Unterschied zu Lesch bezeichnet sich der Autor allerdings selber auch als Fußgänger.
[2] Aldous Huxley

[3] Im visuellen Falle die Netzhaut

[4] Edmund Husserl

[5] Zitiert aus „Der Realitätenkellner“, Einleitungsartikel von Gunther Schmidt

[6] Jean Paul Sartre

[7] Ernst von Glasersfeld

[8] Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis

[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Radikaler_Konstruktivismus

[10] Karl Popper

3 thoughts on “Epistemologie für Fußgänger

  1. Das ist sehr kreativ und nett geschrieben. Meine Kurzform: alles, was wir wissen, glauben, können etc, haben wir gelernt. Die Wirkungen, die wir auslösen, passieren innerhalb unserer eigenen Überzeugungen. Und unsere Wahrnehmung passiert ausschließlich telepathisch.
    Was wir als “Realität” interpretieren, ist von uns erlernt und als eigene Wahrnehmung akzeptiert.
    Man befasse sich mit Semantik, mit Physik, mit Transpersonalen Erlebnissen. Und man traue seinen eigenen Beobachtungen, besonders in Bezug auf Synchronizitäten, Träumen und sozialen Interaktionen (auch mit Tieren und Pflanzen).

    Eine “Welt” im von den meisten von uns geglaubten Sinne existiert nicht, es gibt nur Phänomene, und die finden nicht außen statt, sondern in uns. 

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